Unser System im Alarmzustand oder warum der “gesunde Menschenverstand” eine Floskel ist

Es ist Corona-Zeit und tatsächlich - es gibt einen Teil in mir der dankbar ist, ohne diese Situation schönreden zu wollen.

 

Aber als Grenzgängerin und CH/FR Doppelbürgerin, habe ich trotzdem mein nötiges Minimum an Freiheit gefunden und darf raus, um die Pferde zu versorgen und kann sogar bei Bedarf in die Schweiz meinen Briefkasten leeren und Zweisamkeit mit Mike geniessen. Das macht mich glücklich. Keine Freiheit zu haben oder eingeschränkt zu werden, hat in mir vor zwei Wochen Panik ausgelöst - aber dort habe ich noch nicht gemerkt, dass mein System bereits in Panik geraten war.

 

Hier in Frankreich haben wir ja die totale Ausgangssperre, weil wir gemäss Präsident Macron’s Rede “im Krieg sind”. Genau das wurde zum Glück in der Schweiz vom Herr Bundesrat Berset bisher (noch) dementiert. 

 

In Krisenzeiten entwickelt sich viel Solidarität  aber auch so etwas wie eine “Gut und Böse Fraktion”. Und das fühlt sich tatsächlich kriegsähnlich an und macht mir angst, macht mich traurig und auch wütend zugleich, weil die Kommunikation, Reaktionen und Meinungen so emotionsgeladen geworden sind. 

 

Unser System (die Gesellschaft, sowie mein inneres System!) befindet  sich in einem Alarmzustand. 

Nun stelle ich einfach mal die Behauptung auf, dass die meisten Menschen das “im Innen” gar nicht bewusst spüren wollen oder können. Ist ja auch logisch, es fühlt sich nicht besonders angenehm an, Panikzustände zu erleben. Deshalb war ich auch nicht erstaunt, dass mich die ersten Corona Schutzmassnahmen völlig unberührt liessen.

 

Mein System (oder anders ausgedrückt: ein Teil von mir) suchte also automatisch Mittel und Wege, um diese Panik des ausgeliefert seins nicht fühlen zu müssen und machte sich dann diese sowohl als Überlebensstrategie und kurze Zeit später auch als körperliches Symptom (siehe Teil 2) bemerkbar. Viele Überlebensstrategien werden als solche von einem selber oft nicht erkannt, jedoch zeigen sich einige von ihnen ihrem Umfeld in Form von Hamsterkäufen, von überdrehtem Humor (Euphorismus), Positiv-Denken-Mantras oder eben als “Coolness” (um nur ein paar aktuelle Beispiele zu nennen).

 

Überlebensstrategien werden nun mal nicht mit “gesundem Menschenverstand” bezwungen, sonst wären es keine Strategien. Und genau an diesen “gesunden Menschenverstand” wird im Moment aber überall appelliert oder er wird bei Diskussionen besonders hervorgehoben. 

Nun frage ich mich, wie der gesunden Menschenverstand denn zu definieren ist, wenn die meisten Menschen der Meinung sind, sie hätten einen. Und vielleicht ist es eben genau das: Der Mensch wird immer einen Teil gesunden Menschenverstand haben, aber er tickt vielleicht nicht immer im Einklang mit den Anderen oder so, wie es unser Umfeld gerne haben möchte.

 

Was ich Ihnen näher bringen möchte ist, dass besonders in Alarmsituationen, jeder Mensch anders reagiert. Sie wissen wahrscheinlich sehr wohl, dass diese Reaktion von unseren bewussten und auch unterbewussten Erfahrungen abhängt und daher logischerweise jede Reaktion einen Ursprung haben muss. Nur… oft begreift man es als betroffene Person selber nicht, was da gerade mit einem geschieht.

 

Sind dann Klopapier und Pasta-Hamsterer, Corona-renitente-Rentner, Jugendliche und Jogger und vermeintliche Verschwörungstheoretiker schlechtere Menschen als die Anderen? Haben “Angepasste” einen gesünderen Menschenverstand? 

 

Im zweiten Teil dieses Beitrages möchte ich auf die Möglichkeit verweisen (gerade wegen der Corona-Zeit), den Fokus vom Gessellschaftssystem auf meine eigenes System zu richten.

 

Vielleicht fühlen Sie sich in der Zwischenzeit motiviert, einen Kommentar zu den von Ihnen erlebten Überlebensstrategien zu hinterlassen? Oder hat Sie der Beitrag zum Schreiben getriggert? Ich lese auch gern etwas von Ihnen.

 

Bis bald - zum Teil 2!

 

Herzliche Grüsse

Margrit Senn

 

Kommentare: 6
  • #6

    Margrit (Freitag, 27 März 2020 22:16)

    Danke Inge – es geht mir sehr ähnlich.
    Ich hätte gerne was von deiner Überlebensstrategie Joggen abbekommen...
    Vielleicht nochmals für die Leser und Leserinnen:
    Überlebensstrategie: Eine Handlung dominiert/bestimmt über mich, anstatt umgekehrt.
    Es hat nichts mit gut oder schlecht zu tun, sondern mit der Frage, ob meine Überlebensstrategie, so wie sie sich heute zeigt, noch nötig ist und ich damit leben will. Sie zeigen sich auch gerne als Talente.

    Im Blog werden wir dieses Thema laufend an Beispielen erörtern.

  • #5

    Inge (Donnerstag, 26 März 2020 18:43)

    Wer sich in diesen Tagen abweichend zum Mainstream aus Politik, Wissenschaft und Medien äußert, dem wird Verharmlosung, Desinformation und eine Gefährdung der Öffentlichkeit unterstellt. Bürger werden wie Kinder behandelt, denen eine amtlich beglaubigte Wahrheit als Information und Handlungsanweisung auszureichen habe.
    Diese Situation gefällt mir ganz und gar und ich habe Mühe damit, wenn ich meine Meinung nicht äußern darf, wenn keine Gespräche mehr zusammenkommen, wenn man anfängt zu flüstern, wenn man vom Mainstream abweicht.
    Ich habe angefangen zu Joggen laufe durch die leeren Straßen und habe dabei ein Gefühl der Freiheit. Ich fühle mich manchmal wie ein Tiger in einem Käfig, unbegründet eingesperrt.
    Mein System ist hier voll im Alarmzustand…..Joggen….war schon immer eine meiner Überlebens Strategien. Naja, kann ja nicht Schaden ein wenig Sport.

  • #4

    Margrit (Donnerstag, 26 März 2020 16:46)

    Vielen Dank Marc, du bist ja ein professioneller Schreiber, deshalb freut mich das natürlich sehr, dich inspiriert zu haben und habe aus diesem Anlass auch deine Webseite gleich besucht und auch deinen Blog Beitrag gelesen. Spannend finde ich unsere Kombi: Meine Tendenz zum eigenen inneren System und deine Tendenz zum Gesellschaftssystem (meine Interpretation).
    Genau in diesen Zeiten finde ich es so wichtig diese Brücke zu schlagen, um beides zu verbinden und ich finde, das machen wir gut :)

    Bis bald irgendwie und wo wieder
    Lieber Gruss

  • #3

    Marc (Donnerstag, 26 März 2020 16:22)

    Vielen Dank für diese wertvolle Inspiration. Ich bin gespannt auf Teil 2. Gute und schlechte Menschen? Konstruktive und obstruktive Menschen? Ich verstehe, dass es für viele Menschen nicht so einfach ist, konstruktiv mitzuwirken. Es gibt allerdings schon auch die, für die es einfach wäre, konstruktiv zu handeln, die es trotzdem nicht tun… #Zynismus Ich habe auch das unangenehme Gefühl, dass es Menschen gibt, die suchen mit einer oppositionellen Haltung im Netz einfach nur Aufmerksamkeit. Das finde ich traurig. Aber ich schreibe das jetzt spezifisch aus einer Schweizer Perspektive mit Blick auf das Verhalten der Schweizer Behörden, bis jetzt zum 26. März. Alles ist labil, auch meine Meinung… Ich habe deinen Beitrag in folgendem Blog verlinkt: https://www.mebimabo.ch/personal-corona-szenario-planning/

  • #2

    Margrit (Donnerstag, 26 März 2020 14:42)

    Lieber Ivan, ja verstehe das sehr wohl. Das ist unser Term in der Arbeit mit der IoPT. Das heisst du könnteste es auch mit "Verhaltensmuster" ersetzen. Verhaltensmuster (oder Überlebensstrategien) haben nicht unbedingt mit tatsächlichen Vorsichtsmassnahmen wegen unmittelbarer Gefahr zu tun, sondern viel mehr mit Muster, in die wir uns anders aufgrund von unseren Erfahrungen geflüchtet (oder aufgebaut haben). Zum Beispiel als Vorschau auf den 2.Teil:
    Wenn eine Familie oder ein Individum das Thema Hunger in Verbindung mit Not auf irgendeiner weise auf dem Radar hatte, dann kann das nun zu Hamsterkäufe führen. Das lastet transgenerational auf uns und zeigt sich in den Auftellungsbegleitungen immer wieder, wie tief es veranktert sein kann. Obwohl ich keine Hamsterkäufe mache, war es mir immer wichtig, eine Reserve zu haben. Ich bin eine "Kriegsenkelin", das Essen war früher immer ein Thema. Heute ist mir klar, von wo dieser Tick kommt. Je nach Erlebnis kann dann so ein Tick zu einem "Monster" werden, resp. es wird dann zwanghaft.

    Also gutes Beispiel mit den Händen: Dauerndes zwanghaftes Hände waschen oder einfach Sorge zu sich selber tragen, weil es im Moment lebensnotwendig ist, es zu tun.

    Mehr dazu, bald...

    Merci Ivi , hab mich gefreut von dir zu hören.
    Lieber Gruss und alllllles Gute und heb witterhin uf di Sorg

    Margrit

  • #1

    Ivan (Donnerstag, 26 März 2020 12:52)

    Hi Dao. Spannend und interessant, was du da bloggierst. Erlaube mir aber einen klitzekleinen Einwand. Mich irritiert das oft vorkommende Wort "Überlebens-(strategie)". Klingt so nach müssen, kämpfen, schon fast zwanghaft. Ich gehöre zur sogenannten Risikogruppe und habe meine Lebensstrategie, bei der es lediglich um ein Umdenken und Bewusstmachen geht. So habe ich zwei Sachen verändert oder besser gesagt, gefestigt. Etwas mehr Vorsicht und Achtsamkeit mit dem Umgang mit meinen Händen. Das kann ich gerne allen anderen weitergeben und schon wird aus Ueberleben, Leben. xxx: ivi