Das Wollen ist die Wurzel allen Leidens

Die Aufmerksamen unter Euch werden es längst erfahren haben: Kaum „killt“ man einen Störenfried, schon taucht der nächste auf. Kaum entfernt man einen lästigen Umstand aus dem Leben, schon wird er vom scheinbaren Zufall durch einen noch lästigeren ersetzt.

 

Bei mir war es ein älteres Familienmitglied, welches auch noch im selben Haus wohnt.

Durch sie wurde ich enorm getriggert, sie hatte mich genervt und zur Weißglut gebracht. Dies Eskalierte fast in den letzten Monaten und ich beschäftigte mich genau mit mir, beobachtete meine Reaktionen, meine Gefühle, nahm sie wahr und war achtsam mit mir. Ja, eigentlich hat sie mich dazu gebracht, dass ich mich mit diesen Gefühlen, mit dieser Weißglut, dieser Wut unbedingt auseinandersetzen und konfrontieren musste.

Wie aber verweist man diese verschiedenartigen Unruhestifter auf ihre Plätze? Die Antwort ist: durch Eindeutigkeit, d.h. durch Klarheit, Ernst, Konsequenz und Schärfe. Solange in Ihnen auch nur ein Quäntchen der Bereitschaft nachzugeben vorhanden ist, wird der Quälgeist diese als Grundlage für seine nächsten Attacken benutzen.

 

Aber wenn die Antwort so einfach ist, dann stellt sich die Frage, warum habe ich keine Eindeutigkeit, Klarheit, warum bin ich nicht ernst genug, sage es nicht mit Schärfe, dass sie mich nervt, warum lasse ich mich nerven - ich will das nicht!

 

Kann es sein, dass meine Willens-Identität als Kind zunichte gemacht wurde, dadurch dass meine Mutter mich nicht wollte? Wurde vielleicht dadurch meine Willens-Identität ignoriert, gebrochen und als nicht existent behandelt? Vielleicht habe ich mich aufgegeben, meine Identität, meine wollendes Selbst?

Da ich vorher schon einige Anliegen zum Thema Identität hatte, suchte ich mir den Satz „Ich will mein eigenes Wollen haben“ aus.

 

Es war eine Aufstellung mit Margrit und einer Freundin von mir. Es kam heraus, dass ich mein „Wollen“ als kleines Kind abspaltete, dass ich kein eigenes Wollen mehr hatte. Es war ein Verlust des Selbst, der Verlust der Verbindung zum persönlichen Wollen. Es war mein Bestreben, die eigenen Wünsche einzustellen, zu unterdrücken oder mich schuldig zu fühlen, ich lehnte mich selbst ab, wurde Zerstörer meiner eigenen Identität. Ich hatte Angst vor dem Drang etwas zu wollen und habe mein Wollen unterdrückt und vermieden und mich stattdessen um die Wünsche der Anderen gekümmert.

 

Somit richtete ich während der Arbeit, mit Unterstützung von Margrit, meinen Fokus auf mich, nur auf mich und kam mit meinen abgespaltenen Anteilen ins Gefühl.

 

Als Embryo nach einem Abtreibungsversuch weiterzuleben und die massiven Ablehnungsgefühle im Bauch seiner Mutter zu überleben funktioniert nur, wenn der emotionale Bezug zu sich selbst, zum eigenen Wollen, zu den eigenen Bedürfnissen aufgegeben wird!

 

Der eigene Wille ist neben dem gesunden Ich die zweitwichtigste psychische Instanz für die bewusste Entwicklung unserer Identität.

 

Fazit: Ich fühle nun mehr Freiheit, habe mehr Lebensenergie, ich denke dass mein gesundes Ich und mein eigener Wille konstruktiver zusammenarbeiten. Ich bin zuversichtlicher geworden.

 

Happy 2020! :)

 

 

Inge Schwank

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Inge (Montag, 20 Januar 2020 16:49)

    eine Anfrage von meiner Freundin an mich per Whatsup:
    "Aber..... Warum ist das Wollen die Wurzel allen Leidens? Ich würde sagen das Wollen ist die Rettung. Was meinst du? "


    Aber ich denke die Frage ist sehr gut und es wäre toll, liebe Margrit wenn Du sie beantworten könntest, damit alle was von der Antwort haben.

  • #2

    Margrit (Donnerstag, 23 Januar 2020 08:48)

    Super ist dieser Hinweis deiner aufmerksamen Freundin eingegangen. Ich hab schon angefangen eine Antwort auzusetzen, aber dann hab ich gemerkt, dass das evtl. ein eigener Blogbetrag werden könnte. Ich arbeite daran! :)

  • #3

    Inge (Dienstag, 28 Januar 2020 14:45)

    Ich versuche mal darauf zu antworten:

    Ich erzähle von mir und meinem Urtrauma, das „Trauma der Identität“, „der Verlust des Selbst“, „der Verlust der Verbindungen zum persönlichen Wollen“:

    Ich sollte gar nicht da sein, meine Mutter wollte mich nicht, versuchte mich abzutreiben, aber ich überlebte. Als Baby merkt man, dass man nicht gewollt und geliebt ist und so lebte ich also in einer existentiellen Abhängigkeit von meiner Mutter. Meine Bedürfnisse und die Bedürfnisse der Mutter können aber nicht gleichzeitig da sein. Und da ich der Abhängige war d.h. der Schwächere in diesem Verhältnis, da ich ja klein und Baby war, dann war also ich diejenige die sich aufgeben musste.
    Ich musste also mein „gesundes Ich“ und meinen“ eigenen gesunden Willen“ aufgeben um in der Beziehung mit meiner Mutter bleiben und um überleben zu können. Ich musste mich an meine Mutter anpassen, sonst durfte ich nicht da sein, sonst konnte ich nicht da sein.
    Das heißt Aufgabe vom „eigenen Ich“, Aufgabe vom „eigenen Wollen“.

    Ja und viel Dinge im Leben würde ich heute – da ich das mit dem Wollen ein wenig verstanden habe – nicht mehr machen, da es nicht wirklich „Mein-Wollen“ war. Und ich achte nun auch darauf, dass z.b. meine Kinder nicht das studieren, was wir, die Eltern gerne möchten, sondern was die Kinder möchten und möchten Sie überhaupt studieren oder wollen sie vielleicht Feuerwehrmann werden? Es soll Ihr „wollen“ sein.
    Und noch ein Beispiel:
    Ich fühlte mich z.b. immer schuldig für was gar nicht ist, ich hatte immer Schuldgefühle, das ging ganz schnell, ich wollte mich aber nicht schuldig fühlen, da ich gar nicht schuldig war. Aber ich ließ mir das Schuldgefühl immer eindrücken.
    Und ich stellte mir die Frage, mach ich was ich will oder was andere von mir wollen? NICHT EINFACH
    Es ist wirklich nicht einfach zu erkennen, dass man vielleicht gar nicht seinen eigen Willen hat sondern den Willen von jemanden anders…….. aber erleichternd wenn man sich endlich seinem „eigen Willen“ nähert. Ob ich meinen Willen schon ganz habe, keine Ahnung????? Möchte ich aber, dafür habe ich ja Margit und Euch, falls ich ihn noch suche, meinen Willen!!
    Inge