Sein oder Nichtsein? – Die Entscheidung

 

 

Hallo alle zusammen

 

Ich hoffe, ihr geniesst den Sommer und vielleicht habt Ihr auch grad Ferien und seid irgendwo in der Nähe oder Ferne unterwegs? Falls nicht, hoffe ich sehr, dass ihr Euch gut erholen und neue Kräfte für den Alltag sammeln konntet.

 

Wie im letzten Beitrag schon angesprochen, möchte ich heute noch einmal das Thema «Parentifizierung» aufgreifen und aus eigener Erfahrung berichten, wie ich das in einer Aufstellung und im realen Leben erlebt habe.

 

Es begann vor ein paar Jahren um meinen 40. Geburtstag herum. Privat ging alles in die Brüche und aufgrund dieser Situation musste ich mich damit auseinandersetzen, wer ich eigentlich war oder bin. Wollte ich Sein oder Nichtsein?

Ausserdem wollte ich wissen, wie ich zu dem Menschen geworden bin, der ich war und warum ich in einigen Situationen immer wieder die gleichen Schwierigkeiten hatte, ohne eine zufriedenstellende Lösung für mich finden zu können z. B. Perfektionismus, anderen nicht 100%ig vertrauen zu können, es jedem recht machen zu wollen, immer die Verantwortung für alles und jeden zu übernehmen usw. 

 

Ich nahm also erneut an einer Gruppenaufstellung teil und mein Anliegen bezog sich auf die Beziehungen u.a. meiner Eltern zueinander. Ich kann mich leider kaum an das Verhältnis der beiden untereinander und unser gemeinsames Leben als Familie erinnern.

 

Was sich dann jedoch zeigte, waren nicht meine Eltern als Mutter und Vater als Einheit, so wie ich mir das irgendwie immer vorgestellt hatte, sondern zwei Personen, die sich gegenseitig und vor allem mir völlig fremd waren und so gar keine Bindung miteinander zu haben schienen.

 

Meiner «Mutter» war das Thema «Familie» eigentlich völlig egal und mein «Vater» erging sich in Selbstmitleid darüber, nicht beachtet oder gesehen oder gehört zu werden.

Zeitweise hatte ich den Eindruck, zwei Menschen vor mir zu haben, denen gar nicht bewusst war, dass sie Eltern von zwei kleinen Kindern waren und damit auch eine gewisse Verantwortung trugen.

 

Meine Eltern waren bei meiner Geburt sehr jung und sie wuchsen beide ebenfalls unter sehr schwierigen Lebensumständen auf. Nach allem was ich weiss, verstanden sie sich auch nicht besonders gut, zudem fühlten sich auch nicht sonderlich als Eltern verantwortlich.

Nach dem «Abschied» meines Vater aus unserem Leben, und der Vollzeit-Berufstätigkeit meiner Mutter (war zu DDR-Zeiten so üblich), blieben ein Teil  des Haushaltes sowie das «Babysitten» meiner jüngeren Schwester im zarten Alter von 7!!! an mir hängen.

 

Und genau hier kommt der Prozess der Parentifizierung ins Spiel.

Ich übernahm somit unfreiwillig einen Teil der «Aufgaben» meiner Eltern. Durch die Scheidung meiner Eltern und der daraus entstandenen «Differenzen» zwischen meinen Eltern und allen Grosseltern kamen noch die Rollen der «Therapeutin» und der «Friedensstifterin» hinzu.

 

Vermutlich würden einige Personen dies heutzutage als «maximale Frühförderung im Bereich sozialer Kompetenzen» bezeichnen, für mich war das ganze «Drama» jedoch weniger positiv.

 

Alles was eigentlich in den Verantwortungsbereich meiner Eltern fiel, auch in emotionaler Hinsicht, wurde zum grössten Teil an mich delegiert.  Das blieb auch so, solange wir noch Kontakt miteinander hatten und ich mich dann irgendwann aus gesundheitlichen Gründen zwischen dieser «Elternrolle» für meine Eltern (samt der delegierten Verantwortung) oder für meine mentale Gesundheit und mein eigenes Leben entscheiden musste.

Das war eine der schwersten Entscheidungen meines Lebens, aber ich hatte keine Wahl.

 

So bekam Shakespeares’ Zitat eine ganz andere Bedeutung für mich:

Will ‘ICH’ sein – oder ‘NICHT ICH’ sein?

 

Was glaubt ihr, wäre die richtige Entscheidung gewesen? Schreibt uns doch, wie ihr darüber denkt.

 

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen weiterhin einen schönen Sommer mit vielen spritzigen und erfrischenden Momenten.

 

 

Eure Sylvia 

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Kommentare: 4
  • #1

    Suzy (Sonntag, 11 August 2019 12:50)

    Liebe Sylvia

    Zunächst ein Dankeschön an dich, dass du uns deine Erfahrungen hier berichtest �.

    Jede Entscheidung die ich für mich fälle, ist immer richtig.

    Fühlt sie sich gut an? Fühlt sie sich nicht gut an? Nicht der Kopf entscheidet, sondern das Gefühl.

    Durch jahrelange Achtsamkeitsübungen, das JETZT zu leben und durch die Anliegenaufstellungen fühle ich mich mit mir selbst verbunden und bin im Vertrauen.

    Ich grüsse euch von Herz zu Herz.
    Suzy

  • #2

    Sylvia (Dienstag, 13 August 2019 18:52)

    Liebe Suzy

    Herzlichen Dank für Deine Rückmeldung. Ein sehr wertvoller Input zur Orientierung für einen selber, wenn man anfängt, für sich selber verantwortlich zu sein.

    LG Sylvia

  • #3

    Inge (Montag, 16 September 2019 14:33)

    Hallo Sylvia
    Da ich heute so schön in Schreiblaune bin, melde ich mich doch auch mal wieder auf deinem Blog. Vor allem, da wir am Samstag uns gegenseitig in unserem Anliegen ja auch wieder nähergekommen sind. Ist schon interessant, welche Themen uns verbinden.
    Aber meine Rolle bei dir passte ja auch wie der Topf zum Deckel für mich.
    Weißt du Sylvia, ich hatte mir immer gedacht, ich will nie wie meine Mutter werden. Bis vor einem Jahr, falls mich jemand gefragt hätte – hat aber keiner – wie meine Kindheit war, hätte ich geantwortet „ nicht schlecht, wuchs gut behütet auf, meine Mutter war immer zuhause als Hausfrau, kochte sehr gut (bei anderen Kinder kochte die Mutter oft nicht!!), hatte Garten, viel Raum zum Spielen, usw., es gab nichts Negatives. Meiner Mutter geht es zurzeit sehr schlecht. Sie sagt, sie hat sich für die Familie „geopfert“.
    Und ich, als ich nach 15jahren Job, Kinder bekam, blieb ich zuhause…. da Mutter sein und Beruf für mich nicht in Frage am. War ja ganz okay am Anfang, war vielleicht auch gut für die Kinder und die Familie. Angewiesen waren wir nicht unbedingt auf ein zweites Gehalt. Es machte mir auch Spaß und ich fühlte mich (vielleicht) wohl. Bis ich merkte, dass ich ähnlich (bitte, bitte nicht ganz!) geworden bin wie meine Mutter. Zuhause am Herd mit Kindern und die Schwiegermutter im Haus (eine Runde Mitleid wegen der Schwiegermutter im Haus bitte!!)
    ça me fait chier….. …aber das erst mal zu bemerken, dass das so ist, hat mich Jahre gekostet. Alles und alle waren Schuld. Ich wollte es nicht wahrhaben que ça me fait chier. Meine Kinder sind groß, brauchen mich nicht mehr, den kleinen Nebenjob, welche ich mache – macht mir keinen Spaß. Und erst in diesem Monat habe ich mir vorgenommen in mir zu investieren…. mal was für mich zu machen.
    Ich will mich nicht mehr der Situation als Opfer ausgeliefert sehen,
    Hier einige kleine, teils lustige Aufzählungen welche meine Situation beschreiben:
    - Ich reduziere den Bürokram den ich noch für meine Eltern mache (Buchhaltung), welche ich sogar bis ins Ausland mitgenommen hatte als ich wegzog. Ich dachte, dass bin ich schuldig. Ich reduziere es langsam und keinen interessiert es. Es stört niemanden wenn ich weniger mache, ich habe den Eindruck ihnen ist es sogar lieber, wenn ich es nicht mehr mache, was ich auch tun werde, ich habe es immer gehasst, diese Buchhaltung, es war und ist unheimlich viel Arbeit und sowieso undankbar. Uff
    - Ich höre mir das Gejammere meiner Freundin nicht mehr an, die laufend meinen Rat will, ich Stunden für sie opfere und sie dann doch was anderes macht.
    - Wenn ich keine Lust zum Kochen habe - sind meine Jungs überhaupt nicht böse, dann können sie sich mal wieder einen Cheeseburger reinhauen, den es bei meiner biologisch gesunden Kochweise nicht gibt.
    - Das Gemaule, von wegen der Frigo ist leer (obwohl er voll ist, nur nicht das was gewünscht wird) bin ich umgangen, indem ich den Frigo genau mit dem Schrott-Essen fülle, den sie mögen: Schokodessert, Schinken, Wurst usw
    - Wenn ich weg gehe: „endlich kann man schauen was man will, keiner mault“ habe ich kein schlechtes Gewissen mehr, im Gegenteil
    Und weisst du weiss, ich fühle mich gut dabei!!!!!
    Ich hatte mich als Opfer der Situation gefühlt, mich beklagt mich ausgeliefert gefühlt, fühlte mich gefangen (Danke Margrit), das will ich nicht mehr.
    Ich muss ich lernen, dass die Prägungen meiner Kindheit so lange nachwirken, bis sie mir bewusst werden und ich fange an mir immer öfters die Frage zu stellen: Was hat das, worüber ich mich gerade aufrege mit mir und meiner Biografie zu tun.
    Aber um meine Biografie besser kennen zu lernen, muss ich noch etwas an mir arbeiten, mit Dir macht es jedenfalls immer Spass.
    Auf ein Neues Sylvia, ich freue mich und nochmal Danke, dass Ich bei Dir am Samstag mitmachen dürfte…….hat mich einen kleinen Schritt weiter gebracht
    P.S. Kaffeekränzchen nicht vergessen

  • #4

    Sylvia (Sonntag, 13 Oktober 2019 21:51)

    Liebe Inge

    inzwischen ist seit der letzten Aufstellung etwas Zeit vergangen, aber dennoch möchte ich mich für Deine sehr ausführliche Antwort und vor allem auch die angesprochenen Beispiele bedanken. Zwar ähneln sich unsere familiären Situationen nach aussen hin so gar nicht, ich finde es dennoch ziemlich spannend, welche Parallelen sich zeigen, wie wir ja auch schon ein paar Mal in persönlichen Gesprächen und vor allem auch in unseren gegenseitigen Repräsentanten - Rollen während der Aufstellungen festgestellt haben. Zwei Punkte haben mich in deiner Erzählung besonders berührt. Nämlich 1. das wir oft das tun, von dem wir selber glauben, das es von uns erwartet wird und dann die Verwunderung darüber, wenn wir feststellen, das es irgendwie auch in Ordnung ist. wenn wir weniger oder gar nichts tun. Und 2. nachdem auch mich die äusseren Umstände "gezwungen" haben, in gewissen Bereichen meines Lebens zuerst auf mich und meine Bedürfnisse zu achten, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, fühlte sich das in der Tat sehr merkwürdig an, denn ich musste erst lernen, das es ok ist. Es wird aber mit jedem Schritt besser und zudem ist es sehr befreiend, wenn das "schlechte Gewissen" nicht mehr hinter jeder Ecke hervor kommt (bzw. es mir gar nicht mehr auffällt).
    Ich wünsche Dir nun einen guten Wochenstart und freue mich auf ein Wiedersehen inkl. ausstehendem Kaffee ;-)