«Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage»

 

Ich hatte mir über einen tieferen Sinn dieser Worte niemals ernsthaft Gedanken gemacht.

 

Sie bekamen jedoch auf einmal einen ganz anderen Sinn, nämlich als ich an einer Gruppenaufstellung teilnahm, in der es um meine Herkunftsfamilie ging. Ich hatte mich aufgrund meiner eigenen Biografie schon eine ganze Weile vorher mit dem Thema «Parentifizierung» befasst. Davon spricht man, wenn sich in einer Familie die sozialen Rollen umkehren. Konkret bedeutet das, das die Eltern aufgrund verschiedenster Ursachen z. B. eigener Traumata, ihre Verantwortlichkeiten als Eltern gegenüber ihren Kindern nicht vollständig wahrnehmen können oder wollen und für die Kinder emotional nicht erreichbar sind. Dadurch werden die Bedürfnisse der Kinder entweder nicht wahrgenommen oder nicht erfüllt, die Kinder bleiben sich oft selbst überlassen. Im Gegenzug dazu glauben die Kinder, das es ihre «Schuld» ist, das sie nicht beachtet werden oder keine Anerkennung oder Wertschätzung bekommen und fühlen sich gewissermassen dafür «verantwortlich», dem abgewandten Elternteil oder beiden Elternteilen zu «beweisen», das sie gut genug sind, um deren Anerkennung zu bekommen.  

 

Ich habe sehr viel zu diesem Thema recherchiert und bin in diesem Zusammenhang auch immer wieder auf die Lebensgeschichten und Erzählungen der sogenannten «Kriegskinder» und «Kriegsenkel» gestossen, die mich sowohl aus persönlichen als auch aus psychologischen Gründen sehr interessierten und berührten. Mittlerweile gibt es zu dieser Thematik eine Reihe von sehr guten Büchern, die ich nur weiterempfehlen kann, denn sie haben auch mir sehr geholfen, einige Dinge in meiner eigenen Familie klarer zu sehen und vieles besser zu verstehen.  

 

Die Protagonisten dieser Geschichten beschrieben in allen Fällen ähnliche Verhaltensmuster und Beziehungsgeflechte zwischen ihnen und ihren Familienmitgliedern, die auch ich in meiner Familie erlebt habe. So war es z.B. in vielen Familien üblich, dass über die Vergangenheit nicht gesprochen wurde oder gesprochen werden durfte. Schliesslich sollte nichts an die schrecklichen Dinge erinnern, oft genug wurde die Erinnerung daran aber auch verdrängt, um überleben zu können. Wichtig war, nach aussen hin eine heile und harmonische Familie sowie den Zusammenhalt untereinander zu demonstrieren. Oft wurde jedoch auch von distanzierten oder gefühlskalten bis hin zu gewalttätigen Beziehungen berichtet, in denen es an jeglicher emotionalen Wärme und Fürsorge fehlte, denn schliesslich ging um das blanke Überleben, da war einfach keine Zeit für solche «Banalitäten».

 

Jetzt höre ich schon den einen oder anderen sagen, aber das ist doch längst Vergangenheit und abgeschlossen und spielt heute keine Rolle mehr. Oh doch, das tut es und zwar manchmal mehr, als uns selber bewusst und lieb ist. Welche Auswirkungen diese Familienverhältnisse auf die nachfolgenden Generationen haben können und mein eigenes «Sein oder Nichtsein» beeinflusst haben und wie ich daraus für mich selber lernen konnte und immer noch lerne, davon möchte ich im 2. Teil zu diesem Thema berichten. 

 

Bis bald - Eure Sylvia!

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Kommentare: 5
  • #1

    Inge (Freitag, 14 Juni 2019 14:18)

    Hallo Sylvia
    Schön wieder von dir zu lesen.
    Ich hatte dir ja versprochen mich auch mal zu Deinem Blog zu melden.
    Die Bücher über die Kriegskinder / enkel hatte ich erst kürzlich gelesen… könnte ich mir auch als Schullektüre im Deutschunterricht vorstellen. Ja über die alten Zeiten wurde wenig gesprochen, es war halt so und wenn ich mal nachfragte, dann wurde gleich abgelenkt : Magste nicht noch ein Stück Kuchen und hast du schon gehört von der Frau Sounso deren Tochter ist jetzt geschieden und der Sohn ist immer noch alleine vielleicht ist er …………Ach ja es waren harte Zeiten, so gut wie Ihr hatten wir es nie….Okay, wir haben es vielleicht in materiellen Dingen besser, aber wie steht es, wie du geschrieben hast mit Wärme, Fürsorge usw . von kriegstraumatisierten Eltern ? Dies blieb auf der Strecke, wurde gar nicht beachtet. Wenn ein Kind auf die Welt kommt, braucht es von den Eltern Liebe, das heisst Zuwendung, Beachtung, Schutz, Freundlichkeit, Pflege und die Bereitschaft zu kommunizieren. Mit diesen Gaben fürs Leben ausgestattet, behält der Körper die gute Erinnerung, und der Erwachsene wird später die gleiche Liebe seinen Kinder weitergeben können. Nun ja es war nicht ganz so bei mir, deshalb haben wir uns ja auch bei einer Aufstellung kennengelernt Sylvia.

    Ich wollte aber mal in die Runde fragen ob es Euch nach einer Aufstellung (Gruppe oder Einzel), als Statist oder jemand mit Anliegen genaus geht wie mir. Ich habe Muskelkater, ein bis zwei Tage und das obwohl ich jeden Tag Yoga mache, ich fühle mich total ausgeschöpft. Wie geht es Euch so nach einer Sitzung ? Würde mich freuen von Euch zu hören und ich freue mich auch auf Teil zwei von Sylvia. Eigentlich dachte ich der Titel sollte heissen « Das Leben ist kein Ponyhof » ? , jedenfalls hattest du dies beim letzen Seminar erwähnt – grins-.

  • #2

    Sylvia (Freitag, 14 Juni 2019 18:40)

    Liebe Inge
    Danke für Deine positives Feedback �� Teil 2 zu diesem Thema ist in Arbeit und mein Gefühl sagt mir, das zu diesem Thema wahrscheinlich noch Teil 3, 4 usw. möglich sind. Wir bleiben auf jeden Fall dran und auch der „Ponyhof“ wird in einem der nächsten Beiträge seinen Platz haben. Versprochen!!

    Und zum Befinden nach der Aufstellung kann ich das nur bestätigen. Ich bin nach jeder Aufstellung ziemlich neben der Spur und brauche so 3-4 Tage, bis ich mich wieder komplett akklimatisiert habe.

    Wünsche Dir und allen ein wunderschönes Wochenende
    LG Sylvia

  • #3

    Margrit (Samstag, 15 Juni 2019 00:02)

    Liebe Inge - zum "Kater danach" bin ich sehr froh, hast du diese Frage gestellt und ich hoffe, dass wir dazu noch mehr Feedback bekommen. Dein Input motiviert mich sehr, in der Zukunft nach Aufstellungen TRE anzubieten und beobachten, ob sich dann etwas verändert. Ich weiss, dass ich am Anfang nach einem Tag als Teilnehmerin fix und fertig war und froh war, wenn ich nach diesen ernsten Themen Abends rumblödeln konnte . Unterdessen hat es sich eingependelt, aber je nach Aufstellung ist's halt verschieden.

  • #4

    Inge (Samstag, 15 Juni 2019 11:49)

    Hallo Margrit

    was ist TRE ???
    LG Inge

  • #5

    Margrit (Samstag, 15 Juni 2019 15:56)

    "Tension & Trauma Releasing Exercises ist eine einfach zu erlernende Übungsreihe, die es Körper und Psyche ermöglicht zu einem natürlichen Gleichgewicht zurückzukehren. Auf die Durchführung von speziellen Übungen reagiert der Körper mit Zittern, welches als Lösungsmechanismus für Stress und Trauma verstanden wird."Guck mal für Details: https://www.tre-deutschland.de/ und dazu gibt's noch ein eindrückliches Video: https://www.youtube.com/watch?v=zWH7m7odlG8 - bei ca. 35 Sekunden fängt die Antilope an zu zittern. Lg Margrit